Es gibt kaum ein Stichwort, bei dem die Traditionen so offen auseinandergehen — und genau das macht es lesenswert. Läuse im Traum bedeuten je nach Buch einen kleinen Gewinn oder eine kleine Last, und beide Lesarten sind Jahrhunderte alt. Statt sich für eine zu entscheiden, lohnt es sich, den Widerspruch selbst anzuschauen.

Was die alten Traumbücher sagen

Die seltsamste Freundlichkeit der europäischen Traumbücher: Läuse und kleines Ungeziefer bedeuteten häufig Geld — Kleingeld, kleine Gewinne, die sich vermehren — neben der schlichteren Lesart lästiger Kleinigkeiten, die umherschwirren. Sich der Läuse zu entledigen las man als Erleichterung von kleinen Lasten. Und bemerkenswerterweise gaben die Bücher offen zu, sich nie ganz einig geworden zu sein, wohin dieser Eintrag zeigt. Diese Ehrlichkeit ist selten und sie ist hier der Schlüssel.

Die islamische Traumdeutung in der Ibn-Sirin-Tradition setzt einen deutlich anderen Akzent — sie liest Läuse als Lastenzeichen. Sie stehen dort für Angehörige, für Verpflichtungen und für die kleinen Ansprüche, die die Welt an einen Menschen stellt. Viele Läuse: Sorgen, die sich mehren. Fortgehende Läuse: Lasten, die nachlassen. Läuse zu töten: Erleichterung von Sorge, durch eigene Hand gewonnen. Der Gegensatz zur Geld-Lesart der Volksbücher ist auffällig, und er ist es wert, benannt zu werden: Dieselbe Erfahrung — viele kleine Dinge, die sich vermehren — wurde einmal als Gewinn und einmal als Bürde gedeutet.

Was Psychologen beobachten

Kleine Sorgen in großer Zahl. Befallsträume lesen sich als Verpflichtungen, Kritiken oder Ängste, die als Schwarm erlebt werden: keine einzelne davon ernst, alle zusammen unerträglich. Das trifft den Punkt, an dem sich beide alten Lesarten treffen — es geht um Vielzahl, nicht um Größe.

Nah an der Oberfläche liegt hier außerdem das Jucken sozialer Scham; und Bilder des Entlausens verfolgen meist ein reales Abarbeiten kleiner Schulden und Aufgaben. Wer diesen Traum in einer Woche hat, in der zwanzig Kleinigkeiten offen sind, muss nicht lange nach der Bedeutung suchen. Interessanter ist die Frage, welche der beiden alten Lesarten sich für den eigenen Fall richtiger anfühlt.

Eine Frage, bei der es sich zu bleiben lohnt

Welche zwanzig kleinen Dinge liegen bei dir gerade offen — und welche davon hat dir eigentlich niemand aufgetragen?

Viele Läuse

Die Variante, an der sich die Traditionen scheiden. Die Volksbücher lesen kleine Gewinne, die sich vermehren; die Ibn-Sirin-Tradition Sorgen, die sich mehren. Psychologisch entspricht das Bild einem Schwarm von Anforderungen — und es lohnt sich, ehrlich zu prüfen, welche Lesart passt. Manchmal ist das, was sich häuft, tatsächlich Ertrag: viele kleine Aufträge, viele kleine Erfolge. Manchmal ist es Last. Der Traum unterscheidet das nicht; der Träumende meist schon.

Läuse loswerden

Hier sind sich ausnahmsweise alle einig: Erleichterung von kleinen Lasten. Die Ibn-Sirin-Lesart fügt eine Nuance hinzu, die es wert ist — Läuse zu töten bedeutet dort eine Erleichterung, die durch eigene Hand gewonnen wurde. Die Mühe gehört zur Bedeutung. Psychologisch begleitet dieses Bild das reale Abarbeiten einer Liste, und Menschen träumen es oft in den Tagen, in denen sie endlich aufgeräumt haben.

Läuse bei jemand anderem

Die Variante, für die keine Tradition ein festes Stichwort führt, die aber häufig vorkommt: Nicht du hast sie, sondern jemand, den du kennst. Die Lastenlesart der Ibn-Sirin-Tradition gibt hier den brauchbarsten Anhaltspunkt, weil sie Läuse ausdrücklich mit Angehörigen und Verpflichtungen verbindet — es lohnt sich zu fragen, wessen kleine Sorgen du gerade mitträgst. Ein verwandtes Bild kleiner, sich häufender Plagen trägt das Stichwort zur Ratte.


Ein Lexikon kann dir sagen, was Läuse im Traum im Allgemeinen bedeuten. Es kann nicht sehen, dass dieser Traum bei dir immer am Ende eines langen Monats kommt. Das können nur deine eigenen Träume, gesammelt und nebeneinandergelegt — und genau dafür ist Dreamlock gebaut, bald verfügbar fürs iPhone.