Der Zug fährt ab, während du noch auf dem Bahnsteig stehst. Der Termin hat begonnen, und du findest den Raum nicht. Irgendetwas hält dich auf, immer wieder, und je mehr du dich beeilst, desto langsamer kommst du voran. Es ist einer der häufigsten Erwachsenenträume überhaupt — und einer, bei dem beide Traditionen etwas erstaunlich Praktisches zu sagen haben.

Was die alten Traumbücher sagen

Die alten Traumbücher kannten weder Bahnsteige noch Terminkalender, aber sie kannten das Gefühl. Ihr nächstliegendes Stichwort ist die verpasste Kutsche oder das ausgelaufene Schiff: eine Gelegenheit, die man verloren glaubt, eine Tür, die zufällt, während man noch auf der Straße ist. Zu spät anzukommen lasen sie als Mahnung, sich jetzt um eine Sache zu kümmern. Und das Fahrzeug, das ohne den Träumenden abfährt, deuteten sie als einen Lauf der Dinge, der sich seiner Kontrolle entzieht.

Die islamische Traumdeutung in der Ibn-Sirin-Tradition kommt über zwei verwandte Bilder zum selben Punkt: die abfahrende Karawane als weltliche Gelegenheit, die vorüberzieht, und das Erscheinen nach der vereinbarten Stunde als eine Pflicht, die geschuldet und gespürt wird. Bemerkenswert ist der Rat, den diese Tradition daran knüpft — sie mahnt, sich der drängenden Sache zuzuwenden, statt der versäumten nachzutrauern. Das ist ein feiner Unterschied, und er macht aus einem Angsttraum eine Handlungsanweisung.

Was Psychologen beobachten

Der Überlastungstraum. Zuspätkommen verfolgt Zeitdruck und die Angst, das eigene Leben zu verpassen — abfahrende Züge und Flugzeuge werden als Lebensabschnitte, Chancen und Rollen gelesen, von denen der Träumende fürchtet, sie führen ohne ihn weiter. Diese Träume häufen sich in Zeiten, in denen man sich zu viel vorgenommen hat.

Die nützlichste Beobachtung ist dabei eine Umkehrung der naheliegenden Frage. Sie lautet meist nicht „wofür bin ich zu spät?", sondern „wovon trage ich zu viel?". Das klingt nach einer Nuance, verändert aber alles: Der Traum hört auf, ein Vorwurf zu sein, und wird zu einer Bestandsaufnahme. Wer ihn regelmäßig hat, findet die Antwort meist nicht im Kalender, sondern in der Menge dessen, was gleichzeitig läuft.

Eine Frage, bei der es sich zu bleiben lohnt

Wovon trägst du gerade zu viel — und was davon hat eigentlich nie jemand von dir verlangt?

Den Zug verpassen

Die klassische Variante und die am häufigsten erzählte. Die alten Bücher lesen die verpasste Abfahrt als Gelegenheit, die man verloren glaubt — und dieses „glaubt" trägt viel. Psychologisch steht der Zug fast nie für einen konkreten Termin, sondern für einen Lebensabschnitt: eine Laufbahn, eine Familiengründung, ein Alter, in dem man etwas erreicht haben wollte. Es lohnt sich zu merken, ob im Traum jemand mitfuhr.

Aufgehalten werden

Die zermürbendste Variante: Du bist nicht spät losgegangen, aber alles hält dich auf. Schuhe fehlen, Wege werden länger, jemand spricht dich an. Hier ist die psychologische Lesart eindeutiger als die alte: Das Bild gehört zur Überlastung, nicht zum Versäumnis. Wer im Wachen ständig unterbrochen wird, träumt genau davon. Verwandte Bilder trägt das Stichwort zur Prüfung, das ebenfalls von Bewertung unter Zeitdruck spricht.

Zu spät und niemand bemerkt es

Die stillste Variante und die, über die selten gesprochen wird: Du kommst zu spät, und es ist niemandem aufgefallen. Die alten Bücher haben dafür kein Stichwort, aber die Umkehrung erklärt sich von selbst — die Dringlichkeit war die eigene. Dieser Traum kommt oft in Zeiten, in denen jemand sich mehr unter Druck setzt, als seine Umgebung es je täte. Das ist keine Entwarnung, sondern eine nützliche Information über die Quelle des Drucks.


Ein Lexikon kann dir sagen, was Zuspätkommen im Traum im Allgemeinen bedeutet. Es kann nicht sehen, dass es bei dir immer derselbe Bahnhof ist oder immer in den Wochen vor einer Abgabe. Das können nur deine eigenen Träume, gesammelt und nebeneinandergelegt — und genau dafür ist Dreamlock gebaut, bald verfügbar fürs iPhone.