Der Tsunami unterscheidet sich von allen anderen Wasserträumen durch eines: Man sieht ihn früher, und man kann nichts tun. Die Flut steigt langsam, das Gewitter zieht auf — die Welle steht einfach am Horizont und wird größer. Genau dieser Zeitraum des Zusehens, nicht der Aufprall, ist der eigentliche Inhalt.

Was die alten Traumbücher sagen

Die große Welle hat kein eigenes altes Stichwort; sie gehört zum Eintrag des Meeres, ins Riesenhafte gesteigert. Die Volkstradition las eine überwältigende Woge als Glück oder Gefühl, das mit einer Wucht ankommt, der keine Vorbereitung ganz gewachsen ist — die Macht des Meeres, dem eigenen Ufer zugewandt. Vor der Welle zu fliehen wies auf eine Furcht, der man sich noch nicht gestellt hat. Eingeholt zu werden und wieder aufzutauchen: eine überwältigende Passage, überstanden. Der Zustand des Wassers färbte die Nachricht auch hier.

Die islamische Traumdeutung in der Ibn-Sirin-Tradition liest das Bild über Meer und Flut zusammen und wird dabei sehr konkret: Das Meer steht für weite Autorität und weltliche Macht, und sein plötzliches Überrennen des Landes für eben diese Macht, die ihre Grenzen sprengt — Umsturz, der das gewöhnliche Leben überwältigt. Höheres Land zu erreichen las diese Tradition als Sicherheit, die durch Voraussicht gewährt wird. Und die Welle zurückweichen zu sehen als große Prüfung, die vorübergeht, und als Boden, der wiederhergestellt wird.

Was Psychologen beobachten

Wo das Hochwasser steigt, kommt der Tsunami: eine Welle, von Weitem gesehen, nicht aufzuhalten. Psychologen ordnen solche Träume einer Überforderung zu, von der der Träumende weiß, dass sie kommt — eine Frist, eine Abrechnung, eine Veränderung, die bereits in Bewegung ist.

Die genaueste Beobachtung betrifft dabei nicht die Welle, sondern die Pause. Das hilflose Intervall zwischen dem Sichten und dem Aufprall ist das eigentliche Thema dieses Traums — und häufig auch das des Wachlebens. Menschen träumen den Tsunami nicht, während etwas geschieht, sondern während sie darauf warten, dass es beginnt. Deshalb lohnt es sich zu notieren, wie lange im Traum zugesehen wurde und ob es überhaupt einen Weg gab.

Eine Frage, bei der es sich zu bleiben lohnt

Was siehst du gerade kommen — und was ließe sich noch tun, bevor es da ist?

Das zurückweichende Meer

Im Erleben die unheimlichste, in der Deutung die praktischste Variante. Die Tradition rät hier ausdrücklich zum Handeln: die Warnung vor der Welle, ein Zeichen, auf frühe und leise Signale zu reagieren. Das ist einer der wenigen Momente, in denen diese Bücher nicht zur Geduld raten. Es lohnt sich zu fragen, welches leise Signal in deinem Leben gerade besonders leicht zu übersehen ist. Dieser Traum hat es meist schon bemerkt.

Flucht auf höheres Land

Die hellste Variante, und beide Traditionen loben sie: Zuflucht durch Entschiedenheit, Sicherheit durch Voraussicht. Psychologisch taucht dieses Bild oft bei Menschen auf, die gerade eine schwere Entscheidung getroffen haben und noch nicht wissen, ob sie richtig war. Der Traum sagt ihnen, dass die Bewegung selbst die Zuflucht war. Verwandt ist das Stichwort zur Überschwemmung, mit dem dieses ein Paar bildet.

Von der Welle erfasst werden

Im Erleben die schlimmste und in der Deutung die mildeste Variante. Die Volksbücher lesen eine überstandene Passage, die Ibn-Sirin-Tradition eine Prüfung, die vorübergeht. Nichts ist hier entschieden und nichts vorhergesagt — benannt wird ein Zeitraum. Wer diesen Traum in Monaten hat, in denen alles auf einmal kommt, findet darin meist genau das.


Ein Lexikon kann dir sagen, was ein Tsunami im Traum im Allgemeinen bedeutet. Es kann nicht sehen, dass du immer an derselben Stelle stehst oder dass die Welle nie ankommt. Das können nur deine eigenen Träume, gesammelt und nebeneinandergelegt — und genau dafür ist Dreamlock gebaut, bald verfügbar fürs iPhone.