Vögel träumt man selten für sich — meistens tun sie etwas. Sie fliegen in eine Richtung, setzen sich ans Fenster, lärmen als ganzer Schwarm oder sitzen reglos hinter Gittern. Die Traumbücher lesen sie durchgehend als Boten, und der ganze Unterschied zwischen den Varianten läuft auf eine Frage hinaus: wohin dieser Vogel unterwegs ist.
Was die alten Traumbücher sagen
Nachricht auf Flügeln — kürzer lässt sich dieses Stichwort nicht fassen. Vögel bedeuteten Kunde. Auf den Träumenden zufliegend: ankommende Nachricht. Fortfliegend: eine Sache, die sich entfernt. Ein Vogel im Käfig: Gefangenschaft oder eine Stimme, der das Singen verwehrt wird. Vogelgesang: gutes Wort aus der Ferne. Dunkle Vögel sammelten dunklere Deutungen, aber — und das ist für diese Tradition bemerkenswert — die meisten Vögel lasen die Bücher freundlich.
Die islamische Traumdeutung in der Ibn-Sirin-Tradition arbeitet dieses Stichwort noch feiner aus und geht dabei über die reine Botenlesart hinaus. Der klassische Korpus las Vögel als die eigenen Taten, als Versorgung oder als Nachricht — je nach Vogel und seinem Verhalten. Ein unbekannter Vogel, der etwas aus dem Haus nimmt, wurde ernst gelesen. Ein schöner Vogel, der sich niederlässt, als Ehre oder frohe Kunde. Und einen Vogel freizulassen als eine Sache, die abgeschlossen und losgelassen wird. Dieses letzte Bild kennt die westliche Tradition so nicht, und es ist eines ihrer schönsten.
Was Psychologen beobachten
Gedanken und Bestrebungen, denen Flügel gegeben wurden: Vögel gelten als die leichten, schnellen Inhalte des Denkens — Hoffnungen, Einfälle, Botschaften an sich selbst. Schwärme verfolgen betriebsame gesellige Zeiten; ein einzelner, stiller Vogel eine Gedanke, der darauf wartet, bemerkt zu werden.
Am ernstesten nehmen Psychologen jedoch den Vogel im Käfig, und darin stimmen sie mit der Tradition überein: eine Stimme oder ein Ehrgeiz, die eingeschlossen gehalten werden. Es ist ein Bild, das Träumende meist sofort wiedererkennen, über das sie aber selten sprechen wollen. Das Detail, das hier am meisten trägt, ist eine Frage: Wer hat diesen Käfig geschlossen? Manchmal war es niemand.
Eine Frage, bei der es sich zu bleiben lohnt
Welche Nachricht wartet gerade darauf, von dir abgeschickt zu werden — und was hält sie auf?
Vogel am Fenster
Die wärmste Variante und gar nicht selten. Die Bücher lesen ein Wort, das aus der Nähe kommt, und Gesang als gutes Wort aus der Ferne. Es ist eines der wenigen Stichworte, bei denen die Tradition keinen doppelten Boden sucht. Psychologisch ist der einzelne, ruhige Vogel ein Gedanke, der bemerkt werden will — etwas, das der Träumende bereits weiß und sich noch nicht gesagt hat. Es lohnt sich zu merken, auf welcher Seite der Scheibe er saß.
Vogelschwarm
Die laute Variante: Die Bücher lesen betriebsames Treiben, Einladungen, Lärm. Das beschreibt eher eine Zeit als ein Ereignis, und darin liegt seine Ehrlichkeit. Solche Träume kommen in Wochen, in denen um jemanden herum schlicht viel geschieht — und nicht immer ist das angenehm. Es lohnt sich zu bemerken, ob der Schwarm im Traum schön war oder anstrengend; beide Antworten haben in dieser Tradition Platz.
Vogel im Käfig
Die Variante, deren Gewicht beide Traditionen anerkennen: eine Stimme, der das Singen verwehrt wird. Die Bücher lassen ausdrücklich offen, ob es um den Träumenden selbst geht — und meistens tut es das. Dieser Traum kehrt in Zeiten wieder, in denen jemand seit Langem etwas nicht sagt, in der Arbeit, in der Familie, in einer Beziehung. Ein verwandtes Bild der Freiheit trägt das Stichwort zum Fliegen; zusammen ergeben sie ein Paar von Fragen: Was fliegt, und was sitzt eingeschlossen?
Ein Lexikon kann dir sagen, was Vögel im Traum im Allgemeinen bedeuten. Es kann nicht sehen, dass deiner immer hinter Glas sitzt oder immer fortfliegt. Das können nur deine eigenen Träume, gesammelt und nebeneinandergelegt — und genau dafür ist Dreamlock gebaut, bald verfügbar fürs iPhone.
