Man wacht mit nassem Gesicht auf und weiß einen Moment lang nicht, ob es ein schlimmer oder ein guter Traum war. Weinen beunruhigt, weil es nach Kummer aussieht. Dabei macht ausgerechnet hier die Traumdeutung — sonst vorsichtig und voller Warnungen — eine ihrer charakteristischsten Kehrtwendungen.
Was die alten Traumbücher sagen
Nach der vertrauten Umkehrung der alten Traumbücher gilt Weinen im Traum als Zeichen nahender Erleichterung und nicht als sich mehrender Kummer. Frei fließende Tränen weisen auf eine emotionale Entladung hin, die längst überfällig war. Weinen, ohne zu wissen warum, weist auf eine Trauer, der das wache Selbst noch keine Erlaubnis erteilt hat aufzutauchen. Ungehemmtes Weinen las die Tradition als den Geist, der Grund freimacht für das, was kommt.
Die islamische Traumdeutung in der Ibn-Sirin-Tradition zählt das Weinen zu ihren vielschichtigeren Zeichen und trifft eine Unterscheidung, die die westlichen Bücher so nicht kennen. Frei fließende Tränen weisen auch dort auf Erleichterung und auf das Fortwaschen von Kummer. Weinen ohne Tränen dagegen, oder stumm und gequält, wird als Hinweis auf bevorstehende Schwierigkeit gelesen. Diese Tradition achtet also ausdrücklich auf die Beschaffenheit des Weinens — darauf, ob es löst oder sich zusammenzieht — und macht davon das ganze Gewicht der Deutung abhängig.
Was Psychologen beobachten
Weinen im Traum trägt oft eine gefühlsmäßige Wahrheit, die die wachen Stunden noch nicht zugelassen haben. Viele Träumende stellen fest, dass die Tränen für eine Trauer, eine Zärtlichkeit oder eine Erleichterung kommen, die im Alltag keinen Raum hatte.
Dieses Weinen ist selten ein Problem, das gelöst werden müsste. Meist ist es die Psyche, die etwas Unabgeschlossenes zu Ende bringt — und viele Menschen wachen danach merkwürdig leichter auf. Es ist eine der Stellen, an denen alte Tradition und moderne Beobachtung fast reibungslos zusammenfinden: Die Bücher sagen, die Tränen machen Platz; die Psychologie sagt, der Traum hat etwas fertiggemacht. Der Unterschied liegt in der Begründung, nicht im Befund.
Eine Frage, bei der es sich zu bleiben lohnt
Welchem Gefühl hast du zuletzt keinen Platz gegeben — und wann hättest du es erleben sollen?
Frei fließende Tränen
Die häufigste Variante und die, nach der man am ehesten erleichtert aufwacht. Beide Traditionen lesen sie hell: überfällige Entladung, fortgewaschener Kummer. Psychologisch kehrt dieser Traum meist in Zeiten des Abschließens wieder — nach Trennungen, Umzügen, Enden von Abschnitten, wenn viel geschieht und wenig davon gesagt werden kann. Es lohnt sich, ihn zu notieren und zu prüfen, ob er wiederkommt.
Tonloses Schluchzen
Hier trennen sich die Traditionen, und das ist der interessanteste Punkt dieses Stichworts. Die westlichen Bücher lesen auch ungehemmtes Weinen noch als Freimachen. Die Ibn-Sirin-Lesart dagegen sieht in Weinen ohne Tränen, stumm und gequält, ausdrücklich einen Hinweis auf Schwierigkeit. Es lohnt sich, diese Unterscheidung ernst zu nehmen: Nicht jedes Weinen löst. Wenn Träume dich regelmäßig in diesem Zustand zurücklassen, sprich mit jemandem, dem du vertraust.
Weinen ohne Grund
Die rätselhafteste Variante: Im Traum weinst du, und beim Aufwachen kommt der Anlass nicht mit. Die Bücher lesen eine Trauer ohne Erlaubnis. Die Psychologie ergänzt, dass der Traum manchmal schlicht der einzige Ort ist, an dem ein Gefühl vollständig Platz hat — ohne Erklärung, ohne Zeugen, ohne die Pflicht, es zu benennen. Erstaunlich oft wachen Menschen danach leichter auf, ohne sagen zu können, was geschehen ist. Verwandte Bilder trägt das Stichwort zu Verstorbenen.
Ein Lexikon kann dir sagen, was Weinen im Traum im Allgemeinen bedeutet. Es kann nicht sehen, dass es bei dir immer im selben Monat wiederkehrt oder immer nach Gesprächen mit einer bestimmten Person. Das können nur deine eigenen Träume, gesammelt und nebeneinandergelegt — und genau dafür ist Dreamlock gebaut, bald verfügbar fürs iPhone.
