Es gibt kaum einen Traum, über den Menschen so vorsichtig sprechen. Jemand, der nicht mehr da ist, ist im Traum einfach da — sagt etwas, tut etwas Alltägliches, oder sieht einen nur an. Beide Traditionen behandeln dieses Bild mit auffallender Sorgfalt, und keine von beiden macht daraus etwas Unheimliches.
Was die alten Traumbücher sagen
Die alten Bücher behandelten diese Träume mit Zartheit, was bei einer Tradition, die sonst gern warnt, bemerkenswert ist. Erscheinen die Verstorbenen ruhig und wohlauf, galt das als Zeichen geordneter Verhältnisse und geschuldeten Gedenkens. Sprechen sie, lautete die Anweisung schlicht: zuhören — ihre Worte waren die Botschaft. Geben sie dem Träumenden etwas, las man eine Gabe oder eine Kraft, die ankommt. Kummer im Gesicht des Verstorbenen deuteten sie als Unerledigtes, um das sich die Lebenden kümmern sollten.
Die islamische Traumdeutung in der Ibn-Sirin-Tradition zählt diese Träume zu den am sorgfältigsten behandelten überhaupt und differenziert noch feiner. Die Toten wohlauf gesehen — lächelnd, gut gekleidet — spiegelten ihren guten Zustand. Gab der Verstorbene dem Träumenden etwas, las man das als ankommendes Gutes; nahm er etwas, wurde die Deutung zurückhaltend. Die Worte der Toten galten als wahrhaftiger Rat. Und beunruhigende Träume dieser Art sollte man nach dieser Tradition weder ausmalen noch weitererzählen — ein Rat, der aus Rücksicht entstand, nicht aus Aberglauben.
Was Psychologen beobachten
Trauerarbeit — und Psychologen behandeln diese Träume mit Respekt. Sie gehören zu den lebendigsten und am meisten geschätzten Träumen, die Menschen überhaupt berichten.
Die moderne Sicht der fortbestehenden Bindungen liest sie nicht als Störung, sondern als den Geist, der eine Beziehung in veränderter Form weiterführt. Das ist eine wichtige Verschiebung: Wer solche Träume hat, ist nicht dabei, etwas nicht zu verarbeiten. Beobachtet wird außerdem ein Muster, das vielen Trauernden hilft, wenn sie es kennen — tröstliche Besuche kommen eher später in der Trauer, belastende eher früher. Beides ist gewöhnlich, und das eine wird oft zum anderen.
Eine Frage, bei der es sich zu bleiben lohnt
Was hättest du dieser Person noch gern gesagt — und wem könntest du es stattdessen sagen?
Der Verstorbene spricht
Die Variante, die am längsten nachhallt. Beide Traditionen sind hier ungewöhnlich direkt: Zuhören, die Worte sind die Botschaft. Es lohnt sich, das Gesagte gleich nach dem Aufwachen aufzuschreiben, denn es verblasst schneller als das Bild. Psychologisch trägt der Satz meist etwas, das der Träumende bereits weiß und sich noch nicht gesagt hat — die Stimme ist geliehen, die Einsicht ist die eigene.
Der Verstorbene schenkt etwas
Die hellste Variante und in beiden Traditionen gleich gedeutet: eine Gabe oder Kraft, die ankommt. Die Ibn-Sirin-Lesart unterscheidet hier sorgfältig zwischen Geben und Nehmen, und diese Unterscheidung lohnt sich zu merken. In der Praxis wachen Menschen nach solchen Träumen oft merkwürdig gestärkt auf und wissen nicht, warum. Es lohnt sich, dieses Gefühl nicht zu schnell wegzuerklären.
Der Verstorbene wirkt bekümmert
Die schwerste Variante. Die alten Bücher lasen Unerledigtes, um das sich die Lebenden kümmern sollten; die Psychologie ordnet solche Träume eher der frühen Trauer zu. Beides zusammen ergibt eine ruhige Lesart: Dieser Traum spricht von der Verfassung des Träumenden, nicht von der des Verstorbenen. Verwandte Bilder tragen die Stichworte zum verstorbenen Vater und zur verstorbenen Mutter. Wenn solche Träume dich regelmäßig schwer zurücklassen, sprich mit jemandem, dem du vertraust.
Ein Lexikon kann dir sagen, was Träume von Verstorbenen im Allgemeinen bedeuten. Es kann nicht sehen, dass es bei dir immer dieselbe Küche ist oder immer dieselbe Jahreszeit. Das können nur deine eigenen Träume, gesammelt und nebeneinandergelegt — und genau dafür ist Dreamlock gebaut, bald verfügbar fürs iPhone.
