„Was sagt das Traumbuch dazu?“ Die Frage klingt altmodisch, und doch stellen sie viele Menschen nach einem seltsamen Traum, nur heute meist einer Suchmaschine. Hinter den Deutungen, die man online findet, stehen fast immer alte Traumbücher, oft ohne dass ihr Name genannt wird. Was also ist ein Traumbuch, woher kommt es, und was steht wirklich darin? Wir antworten anhand zweier Bücher, die man in digitalen Bibliotheken nachlesen kann.
Ein Traumbuch in einem Satz
Ein Traumbuch ist ein Nachschlagewerk für Träume: eine Liste von Traumbildern, meist alphabetisch, und zu jedem eine kurze Deutung. Die Form ist uralt. Schon ägyptische Schreiber führten Listen von Träumen mit einem Urteil, gut oder schlecht, wie wir in unserer kurzen Geschichte der Traumdeutung erzählen. Im deutschen Sprachraum hat das Traumbuch zwei Schichten, eine gelehrte und eine volkstümliche, und es lohnt sich, beide zu kennen.
Die gelehrte Schicht: Artemidor in Krauss' Übersetzung
Das älteste Handbuch der Traumdeutung, das vollständig erhalten ist, schrieb Artemidor von Daldis im 2. Jahrhundert auf Griechisch. Sein Werk heißt Oneirokritika, „Traumdeutung“, und umfasst fünf Bücher. Auf Deutsch liegt es seit 1881 in der Übersetzung von Friedrich S. Krauss vor: Artemidoros aus Daldis: Symbolik der Träume, erschienen in Wien. Krauss starb 1938, seine Übersetzung ist also längst gemeinfrei und frei lesbar.
Artemidor ist kein Orakel, das bloß verkündet. Er sammelt, vergleicht und begründet. Drei Regeln ziehen sich durch sein Buch.
Die Entsprechung. Die Schlange deutet er als schleichende Krankheit und als Feind. Was die Schlange im Traum dem Träumenden antut, das tut ihm auch die Krankheit oder der Feind an. Die Szene entscheidet, nicht das Tier allein.
Der Träumende zählt. Den Traum vom eigenen Tod und Begräbnis liest Artemidor je nach Lage des Träumenden: Freiheit für einen Sklaven, dem man misstraut, Heirat für einen Ledigen, denn Hochzeit und Tod sind beide Wendepunkte, Erlösung von Krankheit oder Kummer.
Das Bild als Haus. Den Mund versteht er als Haus und die Zähne als die Menschen, die darin wohnen. Ein verlorener Zahn steht deshalb für den Verlust der Person, die er bedeutet, wobei Zähne bei ihm auch für Besitz stehen können.
Auch beim Feuer unterscheidet er genau: Unter Berufung auf die delphische Priesterin Phemonoe deutet er ein kleines, reines Herdfeuer als Glück und ein großes, zügelloses als Unheil. Und manchmal überrascht er: Den Kater liest er als Ehebrecher, weil er Vögel stiehlt und Vögel, wie er im ersten Buch gesagt hatte, mit Frauen verglichen werden.
Die volkstümliche Schicht: Lebrechts egyptisches Traumbuch
Ganz anders klingt das Traumbuch für den Hausgebrauch. Ein typisches Beispiel ist Des Mönches Aegydius Lebrecht grosses illustrirtes egyptisches Traumbuch von 1870. Der Titel verspricht zweierlei Autorität, einen Mönch und das alte Ägypten. Der Inhalt ist ein alphabetisches Verzeichnis kurzer Urteile ohne jede Begründung.
Ein paar Einträge zeigen den Ton:
| Traumbild | Lebrechts Traumbuch (1870) |
|---|---|
| eine Schlange sehen | eine Warnung, auf der Hut zu sein |
| von einer Schlange gebissen werden | Verfolgung durch böse Menschen |
| Gold tragen | Glück in der Lotterie |
| eine Hochzeit sehen | Stunden voll Kummer |
| sich selbst tot sehen | ein langes, glückliches Leben |
| Zähne verlieren | von Gläubigern bedrängt |
| klares Wasser | glückliche, frohe Tage |
Zwei Gewohnheiten fallen sofort auf. Erstens das Lesen „durch Gegensätze“: Der eigene Tod wird zum langen Leben, die Hochzeit zum Kummer. Zweitens der Blick aufs Geld. Wo Artemidor bei den Zähnen an die Familie denkt, denkt Lebrecht an Gläubiger, und Gold am Leib heißt bei ihm Glück in der Lotterie.
Wo sich die beiden widersprechen
Weil beide Schichten im selben Sprachraum gelesen wurden, lohnt der direkte Vergleich. Bei der Schlange sind sie sich halbwegs einig: Feind bei Artemidor, Warnung bei Lebrecht. Beim Schlangenbiss nicht. Artemidor berichtet aus eigener Beobachtung, dass Biss, Angriff und Umschlingen von Nattern und Vipern Gutes bedeuten, weil er ihr starkes Gift mit Geld und damit mit reichen Frauen verband. Lebrecht liest den Biss als Verfolgung durch böse Menschen. Solche Widersprüche sind kein Fehler der Überlieferung, sondern ihr Inhalt: Sie zeigen, dass man Kulturen liest, nicht Naturgesetze.
Das Traumbuch im Vergleich der Kulturen
Das deutsche Traumbuch ist eine von neun Traditionen, die wir nebeneinanderstellen. Die Schlange ist im polnischen Sennik menschliche Bosheit, in einem japanischen Traumbuch von 1908 eine gute Heirat und im chinesischen Buch der Lieder das Vorzeichen einer Tochter. Im Werkzeug Träume im Kulturvergleich stehen diese Deutungen Karte für Karte nebeneinander, jede mit Buch und Seite. Den ausführlichen Eintrag mit Varianten wie dem Schlangenbiss findest du auf der Seite zum Traum von einer Schlange.
Freud: die Wende nach innen
1899 erschien Sigmund Freuds Die Traumdeutung, und mit ihr drehte sich die Frage um. Für Artemidor und Lebrecht sagte ein Traum etwas über das, was kommt. Für Freud sagt er etwas über den Träumenden: über Wünsche, Konflikte und das, was man sich bei Tag nicht eingesteht. Man kann über Freuds System streiten, und die Psychologie hat das ein Jahrhundert lang getan. Doch die Wende blieb. Seitdem fragt eine nachdenkliche Deutung, was ein Traum über das eigene Leben zeigt.
Wie man ein Traumbuch heute liest
Ein Traumbuch ist ein Stück Kulturgeschichte. Es verrät, was Menschen erhofften und fürchteten: Gläubiger und Lotterieglück, Feinde und Krankheiten, Hochzeiten und Todesfälle. Als Vorhersage taugt es nicht, denn kein Traum sagt die Zukunft voraus. Als Anstoß taugt es sehr wohl. Wenn Lebrecht in der Schlange eine Warnung sieht, auf der Hut zu sein, kann man sich fragen, ob es im eigenen Leben gerade etwas gibt, dem man nicht ganz traut.
Auf dieser Website nennen wir bei jeder Deutung das Buch, aus dem sie stammt, und stellen daneben, was Psychologen an demselben Bild bemerken. Das alte Traumbuch bekommt so seinen Namen zurück, und dein eigener Traum behält das letzte Wort.